Warum „Atticus“?

Im Jahr 1935, während einer schon Jahre andauernden schweren Wirtschaftskrise, wird im Süden der USA einem Mann der Prozess gemacht. Es ist eine Welt, in der die angestammten Rollen festgezurrt scheinen – von Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Mann und Frau; eine Welt, in der Tom Robinson verurteilt wird, in der er nie eine Chance hatte – weil er schwarz ist.

Harper Lee erzählt diese Geschichte aus dem Blickwinkel von Scout, der Tochter des Rechtsanwalts Atticus Finch. Er vertritt den Angeklagten nicht nur im Gerichtssaal – er tritt mit allem, was er hat, für das ein, was ihm wichtig ist.

Atticus stellt sich den Konventionen, selbst blindem Hass entgegen, ohne zu verurteilen oder abzulehnen – aber er steht unverrückbar und unbeirrt für das ein, was ihm wichtig ist.

„Dieser Fall ist eine Sache, die an die Wurzeln des menschlichen Gewissens rührt… Sie sind durchaus berechtigt, so zu denken, und sie können auch verlangen, dass wir ihre Meinung respektieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selber leben. Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.“

„Wer die Nachtigall stört“ ist nicht nur eine Geschichte darüber, wie eine Gesellschaft schuldig wird an einem Menschen. Es ist vor allem eine Erzählung von aufrechter Menschlichkeit, die ohne Bitterkeit auskommt, davon, was Menschenwürde ausmacht.

Dieser Roman hat, wie sich herausgestellt hat, einen Vorgänger. Harper Lee schrieb ihn aus Sicht der erwachsenen Scout, die nach Hause kommt und feststellen muss, dass sich alles verändert hat – oder dass sie sich selbst belogen hat. Sie kommt in eine Welt, von der sie geglaubt hatte, dass sie in Ordnung ist – aber sie war es nie:

„Der einzige Mensch, dem sie je ganz und gar und aus vollem Herzen vertraut hatte, hatte sie zutiefst enttäuscht. Der einzige Mann, von dem sie immer gewusst hatte, dass sie auf ihn zeigen und sagen konnte: „Er ist ein Gentleman. Er hat das Herz eines Gentlemans“, hatte sie verraten, öffentlich, grob und schamlos.“

Sie spricht von einer Bürgerversammlung, und Atticus ist auf Seiten der Segregation. Eine Welt ist zerstört.

Romane erschaffen Bilder, sie erschaffen auch Vorbilder. Atticus ist ein Vorbild für Generationen. Der gealterte Vater aus „Go Set a Watchman“ ist uns allen bekannt und uns allen eine Warnung. Dresden weiß, worum es hier geht.

Deshalb gerade jetzt – Atticus.