Lesen verbindet - Menschen und ihre Bücher

Der Auftakt am 22. Januar 2017

Literatur kann faszinieren, zum Nachdenken anregen und verbinden. Am 22. Januar 2017 fand in diesem Sinne unser erster Literaturabend statt. Etwas nervös waren wir, denn ob Bücher dieser Tage wirklich noch viele Menschen hinter dem Ofen hervorzulocken in der Lage sind – wir waren skeptisch. Dennoch wagten wir den Versuch und waren überwältigt von den positiven Reaktionen. Die Veranstaltung war restlos ausgebucht, der Jazzclub Tonne bis zum letzten Stuhl besetzt.

Das Konzept soll immer gleich bleiben: Vier bekannte Persönlichkeiten und ein Atticus-Mitglied stellen in jeweils etwa einer Viertelstunde dem Publikum ein Buch vor, das sie besonders prägte oder das durch seinen Inhalt gerade in der jetzigen Zeit wieder besondere Aktualität bekommen hat. Zwischen den einzelnen Buchvorstellungen soll es musikalische Beiträge mit Klavier und Gesang geben. Am Ende der Veranstaltung stehteine abschließende Diskussionsrunde mit allen Vortragenden.

Unsere Vortragenden an diesem ersten Abend waren neben Amrei Drechsler von Atticus:

Gunther Emmerlich
Der 1944 geborene Sänger und Moderator ist Botschafter der Carreras Leukämie-Stiftung sowie Weinbotschafter von Saale und Unstrut. Bekannt geworden ist er vor allem durch seine Paraderollen wie dem Osmin in Die Entführung aus dem Serail.

Horst Kretzschmar
Anfang April 2016 trat er seinen Dienst als Dresdens neuer Polizeipräsident an. Der ehemalige DDR- Vizemeister im Ringen ist heute für ca. 2.500 Mitarbeiter in zehn Polizeirevieren verantwortlich.

Antje Trautmann
Die geborene Thüringerin arbeitete in Weimar und Berlin und ist seit 2009 fester Bestandteil des Ensembles der Dresdner Staatsschauspiels.

Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg
Rehberg war bis 1997 Dekan der Philosophischen Fakultät an der TU Dresden und erhielt 2011 den Palmes Académiques, die höchste Auszeichnung in Frankreich für Verdienste um das französische Bildungswesen. Heute hat er eine Forschungsprofessur in Soziologie inne.

Tichina Vaughn
Sie ist nicht nur das jüngste Atticus-Mitglied, sondern vor allem natürlich eine begnadete Gesangssolistin an der Semperoper Dresden. Gerade erst von einem mehrmonatigen Gastspiel von der Mailänder Skala zurückgekehrt, sorgte sie mit Klavierbegleitung für die musikalische Begleitung des Abends.

Die SZ vom 24.01. schrieb über diesen Abend:

„Zeig mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist. Horst Kretzschmar hat sich für den Auftakt der Reihe „Lesen verbindet“ Peter Richters Wenderoman „89/90“ ausgesucht. Gemeinsam mit Sänger und Moderator Gunther Emmerlich, Schauspielerin Antje Trautmann und TU-Forschungsprofessor Karl-Siegbert Rehberg gewährt Dresdens Polizeipräsident den Gästen im Jazzklub Tonne am vergangenen Sonntagabend einen ganz privaten Einblick. Und zwar in den eigenen Bücherschrank.

Als DDR-Vizemeister im Ringen habe er es früher nicht so mit Büchern gehabt, sagt Kretzschmar über seine Beziehung zur Literatur. Für Peter Richters Buch, das 2015 erschien, hat sich der Chef von 2 500 Polizeibeamten dennoch die Zeit genommen. In vielen verschiedenen Episoden blendet Richter zurück in die wilden Jahre kurz vor der politischen Wende. „Ich habe mich einfach an meine Jugend erinnert gefühlt“, sagt Kretzschmar, der diese Zeit damals in Leipzig erlebt hat. „Besonders fasziniert haben mich die Begriffe und kleinen alltäglichen Dinge, die ich fast vergessen hatte.“ Das große A zum Beispiel, das im Autofenster darauf hinwies, dass ein Fahranfänger hinter dem Steuer sitzt. Oder Anekdoten über die sozialistische Wehrerziehung.

Für Kretzschmar ist Richters Buch jedoch nicht nur Erinnerung an selbst Erlebtes. „Es ist auch eine gute Empfehlung an diejenigen, die diese Zeit eben nicht miterlebt haben.“ Für ihn gibt es viele Parallelen zur heutigen Gesellschaft. Er spüre bei den Menschen Ängste und ein gestörtes Sicherheitsgefühl. Dabei ist für Kretzschmar die Meinungsfreiheit eine besonders wichtige Errungenschaft. Sein Wunsch: „Wir müssen vernünftig miteinander umgehen.“

Das ist auch das Fazit der Podiumsdiskussion, nachdem alle vier Dresdner ihre Bücher vorgestellt haben. Antje Trautmann ist Schauspielerin am Staatsschauspiel und hatte sich mit David Forster Wallace und „Das hier ist Wasser“ für einen Essay entschieden, der aus einer 2005 gehaltenen Rede für amerikanische Collegeabsolventen stammte. Karl-Siegbert Rehberg setzte mit Albert Camus‘ „Der Fremde“ auf einen Klassiker und Gunther Emmerlich blickte mit der Autobiografie „Spätlese“ auf sein eigenes Leben zurück.

Für den Dresdner Verein Atticus, der die Veranstaltung organisierte, war der Leseabend im ausverkauften Gewölbekeller der Tonne ein voller Erfolg. Im Sommer soll die Reihe fortgesetzt werden.“